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Gewalt-Tatort Mittelschule Drucken E-Mail
Montag, den 25. Juli 2005 um 01:00 Uhr

Messer, Steine, Schusswaffen - interne LKA-Studie sieht brutales Vorgehen in Sachsens Schulen

Dresden. Sie werden geschlagen, getreten, gestoßen oder gewürgt - Kinder und Jugendliche an sächsischen Schulen werden oftmals Opfer brutaler Gewalt. Da ist zum Beispiel der Fall eines 15-Jährigen, der von einem Mitschüler im Juni vergangenen Jahres ohne Grund mit den Worten angegangen wurde: „Ich breche dir jetzt die Finger“. Danach ergriff der 16- jährige Täter die Hand des Schwerbeschädigten, nahm einen Zeigefinger und bog diesen, bis es knackte. Der Junge musste zum Arzt - Kapselriss. Das Beispiel stammt aus einer internen Studie des Landeskriminalamts (LKA) und soll die Hauptthese des 18 Seiten starken Papiers belegen: Die Bereitschaft zu Rohheitsdelikten an den Bildungseinrichtungen in Sachsen sei hoch - und die Hemmschwelle entsprechend niedrig. „Gewalt an Schulen und auf Schulhöfen im Freistaat Sachsen“ lautet der Titel, ein Lagebild für die Jahre 2003 und 2004. Fazit der LKA-Experten: „Die Täter gingen brutal vor und kamen zum Teil auch bewaffnet zur Schule, die Androhung und Anwendung von Körpergewalt ist beachtenswert.“

Das spiegelt sich in der Zahl der Opfer. Insgesamt wurden sächsische Schüler in den zwei Jahren 1542 Mal geschädigt, über ein Drittel (531) waren Kinder unter 14 Jahren. Misshandelt wurden 969 Schüler, 66 davon schwer. Einige davon traf es mehrfach, in einem Fall sogar 13 Mal. Bei acht Opfern registrierten die Ermittler bleibende Folgen - gebrochene Nasenbeine, Augenverletzungen oder eben eine gebrochene Hand. Insgesamt gingen der Polizei 1837 Täter ins Netz, die meisten (rund 1600) waren Jungs und junge Männer. Laut LKA-Studie handelte es sich bei fast allen um Deutsche, nur 42 hatten eine andere Staatsangehörigkeit. Rund zwei Drittel der Täter waren Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, doch auch hier ist die Zahl der Kinder erheblich: 311 Mal waren Schüler unter 14 an Delikten beteiligt (17 Prozent).
Klarer Schwerpunkt der Gewalt sind die Mittelschulen. Fast jeder zweite Tatort bei Raub, Körperverletzung und Sachbeschädigung befand sich in den beiden vergangenen Jahren dort - 1553 von insgesamt 3236. Zum Vergleich: 30 Prozent aller Schulen im Freistaat sind Mittelschulen, rund 40 Prozent der Schüler lern dort. Gymnasien waren nur in 387 Fällen betroffen, das ist kaum mehr als jede zehnte Straftat.
Die Mehrzahl der Delikte betraf die Bereiche Diebstahl und Sachbeschädigung. Hier wurden rund 4900 beziehungsweise 2500 Fälle registriert. In beiden Bereichen sank die Gesamtzahl, im einen um 4,8 und im anderen um 11,5 Prozent. Laut LKA ist dies auch auf sinkende Schülerzahlen in Sachsen zurück zu führen. Insgesamt nahm die Zahl in dem Zeitraum um rund sieben Prozent ab, an Mittelschulen sogar um fast zwölf Prozent. Unterschiedlich ist die regionale Verteilung. Bei Raub, Körperverletzung und Sachbeschädigung in Schulen hat der Bezirk Dresden die Nase vorn. 43,7 Prozent aller 3750 Fälle wurden dort registriert, gefolgt von Leipzig (29,7 Prozent) und Chemnitz (26,6). Besonders auffällig war der hohe Anteil von Raubstraftaten im Jahr 2003 in Dresden - allein 22 von insgesamt 32. Den höchsten Schaden allerdings richteten die jugendlichen Täter an den Schulen im Leipziger Raum an. Von über 400 000 Euro in den Jahren 2003 und 2004 entfielen allein knapp 300 000 auf den Regierungsbezirk.
Der Charakter der Tatwaffen ist breit gefächert. Bei Sachbeschädigungen kamen oft Sprays oder Steine zum Einsatz, häufig genug aber benutzten die Täter auch die härtere Gangart. Als so genannte Tatmittel registrierten die Ermittler 16 Schusswaffen und 15 Messer. Die Schusswaffen wurden in 15 Fällen auch benutzt - sieben Mal auf Glasscheiben, acht Mal auf Menschen. Dies sei „Ausdruck der an Schulen und Schulhöfen im Freistaat weiterhin vorhandenen Gewaltbereitschaft“, notieren die LKA-Experten.
Solche Gewalt hat auch eine 15-jährige Schülerin im Dezember an einer Mittelschule in Zwickau erlebt. Zwei gleichaltrige Mitschülerinnen hätten das Mädchen vor dem Unterricht gleich mehrmals geschlagen und getreten, heißt es in der Studie. „Ihr wurden Haare ausgerissen und durch das Schlagen erlitt die Schülerin Beeinträchtigungen an ihrer Gesundheit.“

ZAHLEN & FAKTEN

Insgesamt wurden an sächsischen Schulen in den beiden vergangenen Jahren 10 310 Straftaten registriert, 5297 im Jahr 2003 und 5013 in 2004. Während in diesem Zeitraum die Zahl der Sachbeschädigungen, Diebstahls- und Raubdelikte sank, nahmen Betrug, Erpressung und Waffenmissbrauch zu. Hier die Gesamtzahlen für 2003/04:

  • Raub/räuberische Erpressung: 49
  • Körperverletzung: 1226
  • Erpressung: 40
  • Diebstahl: 4918
  • Betrug/Urkundenfälschung: 51
  • Brandstiftung: 35
  • Straftaten gegen die persönliche Freiheit: 287
  • Sachbeschädigung: 2502
  • Straftaten gegen die öffentliche Ordnung: 337
  • Gefährdung des demokratischen Rechtsstaats: 210
  • Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz: 244
  • Beleidigung: 304
  • Straftaten gegen das Waffengesetz: 44
  • Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung: 63

Quelle: Oschatzer Allgemeine Zeitung 25.07.2005