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Keine Kuschelpädagogik Drucken E-Mail
Montag, den 04. Februar 2008 um 01:00 Uhr

Vertreter der Werkschule ziehen nach dem ersten Halbjahr Bilanz und blicken voraus

Bieling-Wetzig-Dorias-JelinekNaundorf. Das erste Halbjahr in der Evangelischen Werkschule Naundorf ist vorbei. Harald Bieling, Geschäftsführer, und Ute Wetzig, Koordinatorin der Evangelischen gemeinnützigen Gesellschaft für Bildungs- und Sozialprojekte aus Grimma sowie Schulleiterin Linda Jelinek ziehen im Interview Bilanz und blicken in die Zukunft.
Frage: Das erste Schulhalbjahr der Evangelischen Werkschule Naundorf ist vorbei. Welche Bilanz ziehen Sie?
Linda Jelinek: Wir haben noch viel zu tun, aber wir haben auch schon viel geschafft. Es ist zum Beispiel bemerkenswert, dass wir den Unterricht zu 100 Prozent abdecken konnten, also keine einzige Stunde ausgefallen ist.
Harald Bieling: Die Zusammenarbeit mit der Kommune funktioniert sehr gut, wir erfahren von ihr und auch vom Sport- und vom Heimatverein sehr viel Unterstützung und Wertschätzung. Das ist nicht selbstverständlich und darüber sind wir sehr glücklich.

Ute Wetzig: Auch die Arge Oschatz hilft uns sehr, indem sie uns drei ABM-Kräfte zur Verfügung gestellt hat. Sie unterstützen uns bei der Umsetzung unseres Konzeptes, was für uns sonst von Grimma aus nicht leistbar wäre.
Sind die Kinder auf demselben Stand wie an einer staatlichen Mittelschule?
Jelinek: Auf jeden Fall, wenn nicht sogar auf einem besseren. Natürlich haben wir ein Leistungsgefälle wie jede andere Schule auch. Aber die Leistungsspitze und die Schwächeren können bei uns besser gefördert werden als an staatlichen Schulen.
Die fünfte Klasse ist mit neun Schülern sehr klein. Wie reagieren sie auf Kritik, dass dies zu wirklichkeitsfern sei mit Blick auf die spätere Arbeitswelt?
Jelinek: Wir praktizieren keine Kuschelpädagogik. Wir stellen große Anforderungen an die Schüler. Wir haben aber auch eine besondere Förderung.
Was muss noch verbessert werden?
Jelinek: Es ist ganz wichtig, dass die Lehrkräfte sich häufiger sehen. Manche unterrichten nur zwei Stunden pro Woche bei uns. Aber das wird sich nächstes Schuljahr ändern.
Wetzig: Für das nächste Halbjahr ist uns die Umsetzung der Konzeption besonders wichtig.
Welchen Einfluss hat das Praktische, das darin festgeschrieben ist, bereits im Unterricht?
Jelinek: Das Praktische setzen wir in verschiedenen Fächern um. Im Biologieunterricht waren die Schüler mit Frau Dorias in einer Gärtnerei und haben das Pikieren von Pflanzen gelernt. Außerdem haben die Kinder das Computerkabinett selber eingerichtet, die PCs zusammengesteckt und auch in die Geräte reingeschaut. Für dieses Projekt haben wir uns einen Unternehmer in die Schule geholt.
Wie wirkt sich das Evangelische aus?
Jelinek: Wir beginnen jede Woche mit einem Morgenkreis und jeden Morgen mit einem kleinen Sitzkreis, bei dem die Schüler ihr Befinden nennen können. Künftig bietet auch Jugendpfarrer Hans-Jörg Rummel bei uns Sprechstunden an. Außerdem haben wir schon einen Schulgottesdienst und ein Krippenspiel organisiert.
Wetzig: Das evangelische Profil bedeutet auch, dass sich der gesamte Unterricht auf der Basis des christlichen Menschenbildes aufbaut. Die Kinder werden zur Selbstständigkeit erzogen und wir praktizieren Schülerdemokratie.
Wie äußert sich Schülerdemokratie?
Jelinek: Die Schüler haben zum Beispiel die Farbe für den Essensraum ausgesucht. Ein sattes Grasgrün. Da habe ich erstmal geschluckt, aber es natürlich akzeptiert. Wir versuchen, die Schüler so viel wie möglich einzubeziehen, aber durch die Lehrpläne sind uns natürlich Grenzen gesetzt.
Wieweit ist die Werkschule schon in Naundorf verankert?
Jelinek: Wir haben am Weihnachtsmarkt teilgenommen und viele Naundorfer sind zum Tag der offenen Tür gekommen. Uns wird Interesse entgegen gebracht. Wir wollen die Kinder aber nicht aus ihren eigenen Gemeinden reißen. Sie sollen dort aktiv bleiben.
Ist die Finanzierung für dieses Schuljahr gesichert?
Bieling: Die Finanzierung ist grundsätzlich für die ganzen drei Jahre bis zur staatlichen Anerkennung gesichert. Der Haushaltsplan steht auch schon für das vierte Jahr, wenn wir mit der Anerkennung durch die Bildungsagentur Sachsen rechnen.
Wie wollen Sie die Hürde nehmen, dass die Gemeinde Naundorf die Schule nicht unterstützen darf da sich sonst die Wartezeit bis zur staatlichen Anerkennung verlängert beziehungsweise danach die staatlichen Zuschüsse um diesen Betrag gekürzt werden?
Bieling: Wir stellen uns dieser Thematik, aber im positiven Sinne. Seit Beginn des Schulbetriebs gibt es deswegen Abstimmungsgespräche mit der Kommune, der ja das Schulgebäude gehört.
Welche Perspektive gibt es bereits für das kommende Schuljahr?
Jelinek: Wir haben bis jetzt 21 Anmeldungen und noch weitere Interessenten für die neue fünfte Klasse.
Bieling: Das haben wir auch erwartet und sehen es als Bestätigung unserer Arbeit.

Quelle: Oschatzer Allgemeine Zeitung vom 04.02.2008