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Sinn stiften durch Praxis und christliche Werte Drucken E-Mail
Freitag, den 15. Mai 2009 um 19:29 Uhr

Evangelische Werkschule in Naundorf bei Oschatz verbindet beides miteinander

Fröhlich auf dem Weg zur Sporthalle„Schwingen, hüpfen. Ja, genau, weiter“, ruft der Sportlehrer den 31 Mittelschülern in der Turnhalle Naundorf zu. Noch zwei Mal sollen sie die Springseil-Übung machen, dann haben sie sich eine Teepause verdient. Der örtliche Sportverein bereitet die Pausen vor, die die beiden Klassen der evangelischen Werkschule gern annehmen. Seit 2007 lernen die Zehn-bis 13-Jährigen an der evangelischen Schule, die nur wenige Schritte neben der Gemeindeturnhalle zu finden ist. Im Sportverein werden die Schüler automatisch Mitglieder, weil ihre Ganztagsschule mit dem Verein als Partner zusammenarbeitet.

Das Konzept für die Werkschule hatten Eltern 2005 angeschoben. Denn in Oschatz und Schweta gab es je einen evangelischen Kindergarten und eine Grundschule. Damals überlegten die Eltern, wie ein besonderes weiterführendes Mittelschulangebot aussehen könnte. Sie schauten sich vier Freie Schulen an und entschieden sich für eine Kombination aus Praxis und christlichem Konzept: für die evangelische Werkschule. „Dann suchten wir Mitstreiter, Räume und einen Träger“, erinnert sich Gabriele Schneider.

Die Mutter war von Anfang an mit dabei und arbeitet heute im Vorstand des Werkschulvereins mit, der für die Schule wirbt und Sponsoren sucht. Als Träger wurde die Evangelische gemeinnützige Gesellschaft für Bildungs- und Sozialprojekte mbH - kurz EBS - gewonnen. Die 100-prozentige Tochter des Diakonischen Werks Grimma fördert Schulprojekte. Die Werkschule hat sie mit einem Kredit von mehr als einer halben Million Euro finanziert. „Wir haben einen 15 Jahres-Plan für die Rückzahlung entwickelt“, sagt EBS-Geschäftsführer Harald Bieling. Ziel sei deshalb die staatliche Anerkennung als Freie Schule, weil sich dann das Land an den Kosten beteilige. Räume fanden sich in Naundorf. Dort stand die alte Schule leer. Mit neun Kindern startete die evangelische Werkschule 2007.

Heute lernen elf Kinder in der 6. Klasse und 20 in der 5. Klasse. Fürs nächste Schuljahr haben sich 21 Familien entschieden, ihr Kind nach Naundorf zu schicken und monatlich 60 Euro Schulgeld zu überweisen. Die Schüler kommen aus dem Raum Leisnig, Döbeln, Wurzen und Oschatz. Den Alltag in der Werkschule bestimmt praktisches Lernen. „Die Kinder sollen durch eigenes Tun, auch durch selbst gemachte Fehler lernen und begreifen“, sagt Schulleiter Frank Tomschin. Drei Lehrer und sechs Honorarkräfte bemühen sich um viele Experimente, zum Beispiel in Physik. In einer Druckerei lernen sie die alte Technik des Setzens und Druckens, parallel dazu basteln sie im Computer-Kabinett unkompliziert per Mausklick eine Schülerzeitung. Im nächsten Schuljahr soll es für die 7. Klasse jede Woche einen Werkschultag geben, bei dem die Schüler in Betrieben und bei Handwerkern mitarbeiten.

Praktische Arbeit soll durch das christliche Menschenbild geprägt sein. „Wir betrachten christliche Werte als Angebot für die Schüler. Um angenommen zu werden, muss man nicht evangelisch oder katholisch getauft sein“, erklärt Schulleiter Tomschin. Religion ist allerdings Pflichtfach. Zudem besteht eine enge Verbindung zur Kirchgemeinde. Großen Wert legt die Werkschule auch auf die direkte Schülermitbestimmung. Die Stimmen der Schülervertreter haben das gleiche Gewicht wie die der Lehrer und Eltern. Das freut Frank Tomschin besonders. „Es ist erstaunlich, wie schnell die Kinder Demokratie lernen.“

Die beiden Klassen haben sich eingelebt, im Dorf ist die Evangelische Werkschule auch angekommen. Aber ein Problem verfolgt die Schule von Anfang an: motivierte Lehrer für die Arbeit auf dem Land zu gewinnen. Wenn einer der fest angestellten Kollegen ausfällt, hat der Schulleiter Not, die Stundenpläne zu halten. Bis neue Lehrer gefunden sind, muss er improvisieren und mit Honorarkräften überbrücken.

Kathrin König

Bildunterschrift: Fröhlich auf dem Weg zur Sporthalle: Die 5. Klasse der Evangelischen Werkschule (das Schullogo ist an der Hausfassade im Hintergrund zu sehen) hat sich in Naundorf eingelebt.

Quelle: Der Sonntag 10.05.2009
Foto: Thomas Barth Agentur Landleben