Startseite Presse 2009 Der zweite Abschied
Der zweite Abschied Drucken E-Mail
Freitag, den 26. Juni 2009 um 07:16 Uhr

Frank Tomschin, Leiter der evangelischen Werkschule Naundorf, verabschiedet sich nach einem Jahr

Hoher Anteil an Experimenten: Frank Tomschin mit seinen Schülern der evangelischen Werkschule Naundorf. Der Leiter wird heute zum letzten Mal an der Einrichtung unterrichten. In seiner Dienstzeit und auch schon davor kam es ihm immer darauf an, seine Schüler wahrzunehmen und auf ihre Wünsche zu reagieren.Er sieht seine Schüler. Nicht nur äußerlich. Vielleicht ist es diese Eigenschaft, die den Abschied von Frank Tomschin schwer macht. Heute verlässt er als Leiter die evangelische Werkschule Naundorf. Er kam, als sie im Aufbau war und nachdem er eine schwierige Zeit durchlebt hatte. Tomschin geht aus Liebe – zu seiner Lebenspartnerin nach Dresden.
„Ich bin christlich erzogen worden, war aber lange Zeit weg vom Glauben. Durch extreme persönliche Veränderungen habe ich zurückgefunden“, erzählt der 48-Jährige. Was ihn so verändert und vielleicht in eine Krise geführt hat, will Tomschin nicht genau erklären. Aber es ist sofort klar: Auch wenn er naturwissenschaftlichen Fächer unterrichtet (Mathe, Physik, Technik und Computer), ist er ein Bauchmensch, einer, der auch nach Gefühl handelt.


So behandelt er seine Schüler: Tomschin geht auf seine Schüler ein, nimmt wahr, was sie brauchen. Er reagiert auf ihre Wünsche und stellt auch mal spontan ein Tanzprojekt auf die Beine oder bringt Eis mit. „Ich finde es doof, dass er geht. Man konnte ihn so lange fragen und er hat immer wieder alles erklärt“, sagt die zwölfjährige Michellé Eckelmann. Und auch Klassenkameradin Lisa Böhme meint: „Es ist schade. Weil er ein sehr guter Lehrer war und viel eingebracht hat.“ Vor allem wegen seiner Schüler und Kollegen fällt der Abschied schwer, heute im Abschlussgottesdienst: „Das wird sehr emotional, nicht nur bei den Kindern.“ Denn die Bindung sei groß. „Ich durfte in diesem Jahr nicht nur geben, sondern auch nehmen. Die Zuneigung der Schüler zum Beispiel.“
Als Tomschin nach Naundorf kam, war er skeptisch. Das Physikkabinett war zum Beispiel noch komplett leer. In 14 Tagen sollte der Unterricht beginnen. „Ich dachte, das schaffen wir nie. Aber dann standen Eltern und Personal auf der Matte und hatten Putzlappen, Eimer und Besen in der Hand.“ Dieses Engagement aller Beteiligten, sagt Tomschin, unterscheide sich extrem von demjenigen in staatlichen Schulen.

Neuer Lebensabschnitt

Tomschin kam damals aus Droyßig (Sachsen-Anhalt), hier war er 25 Jahre Lehrer an der Sekundarschule. Doch er wollte und brauchte eine Veränderung. Etwa 2006 lernte der Vater von zwei erwachsenen Kindern durch das Internet seine Lebenspartnerin, eine Pastorin aus Dresden, kennen. Für ihn war klar, dass er nach Dresden oder zumindest in die Nähe wollte. Weil eine Versetzung an eine staatliche Schule nicht so einfach ging, unterschrieb er einen Aufhebungsvertrag. „Es fiel mir leicht, weil ich eine schöne Perspektive hatte. Ich war in der Nähe meiner Partnerin und ich konnte in Naundorf etwas neues aufbauen.“ Aber andererseits: „Wegen meiner Schüler war es dann doch wieder nicht so einfach. Außerdem hatte ich Freundschaften aufgebaut.“ Vor einem Jahr kam er nach Sachsen, wohnte in Niedergoseln.
Heute gehen 31 Kinder in die Werkschule, unterrichtet werden sie von insgesamt neun Lehrern. Tomschin konnte in diesem einen Jahr sein Ethos als Lehrer weiter folgen. „Ich bin kein Theoretiker, ich mag keine Kreidephysik. Schüler müssen selbst etwas tun um zu begreifen.“ Deshalb ist der Anteil an Experimenten bei Tomschin sehr hoch. „Kinder brauchen Erfolgserlebnisse. Die haben sie manchmal an Stellen, die ich nicht vermutet hätte.“ Hier lernt auch er immer wieder dazu. „Ich war oft überrascht von meinen Schülern, von ihren Ideen. Einige brachten einfach so Selbstgebautes mit“, sagt Tomschin.
Zufällig lernte er unlängst den Schulleiter der Freien Evangelischen Schule Dresden kennen, der ihn einstellen wollte. Dann wäre all die Fahrerei am Wochenende vorbei, dachte er. „Es war ein sehr intensives Jahr, die Arbeitsbelastung war hoch, aber auch die gesundheitliche. Und eine Wochenend-Beziehung ist auf Dauer nichts.“ Zum neuen Schuljahr beginnt Tomschin nun seinen Dienst. Die Verhandlungen über seinen Nachfolger laufen.

Quelle: Oschatzer Allgemeine Zeitung 26.06.2009
Text: Lisa Garn
Bild: Dirk Hunger