Startseite Presse 2011 In die Schuhe des Anderen schlüpfen
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Freitag, den 15. April 2011 um 15:55 Uhr

Christine von Zahn ist eine von vier Mediatoren an der Werkschule in Naundorf

Eine gestellte Situation: Christine von Zahn (r.) gibt zwei Schülern in Naundorf Hinweise zum Bewältigen von Konflikten ohne Beleidigung und Gewalt. Foto: Sven BartschSeit vier Wochen hat Christine von Zahn ein Zimmer in der Werkschule Naundorf, das sie immer dienstags betritt. Die 54-Jährige ist eine von vier Streit-Mediatoren, die seit März regelmäßig die Schule besuchen. In 80 Ausbildungsstunden hat sie sich das Wissen angeeignet.

Die Mutter fünf erwachsener Kinder suchte eine Herausforderung nach ihrer Tätigkeit als landwirtschaftlichtechnische Assistentin. Ihr soziales Engagement, unter anderem in der kirchlichen Jugendarbeit und als Jugendschöffin, habe sie auf ihr Ehrenamt vorbereitet. „Wenn Jugendliche mit dem Gesetz in Konflikt geraten, beweist das, dass niemand Zeit für sie hatte“, sagt von Zahn. Deshalb wolle sie sich Zeit für die Kinder nehmen.

Gemeinsam mit Inge Ritter aus Jahnishausen bestreitet die Leutewitzerin die Aufgabe. Dass Mediatoren im Zweiergespann agieren, sei wichtig. „Man ergänzt sich in der Arbeit. Das ist elementar, wenn ein Gespräch in einer Sackgasse zu enden droht. Dann nimmt man eine Auszeit und lässt der Partnerin das Wort.“

Christine von Zahn betont, dass die Arbeit keine Schlichtung beinhaltet. „Die Kinder sollen selbst einen Konsens finden. Ich gebe nur die Regeln vor“, beschreibt sie. Am erstaunlichsten sei bisher gewesen, dass alle am Zwist Beteiligten interessiert gewesen seien, ihre Differenzen beizulegen.

Alle Mediationsgespräche zielen auf gewaltfreie Konfliktlösung ab. Dafür müssten erst Fakten offen gelegt werden. Danach wird über Gefühle gesprochen. Unverzichtbar sei auch der Perspektivwechsel: „In die Schuhe des Anderen zu schlüpfen öffnet den meisten die Augen“, weiß die Mediatorin. An dieser Stelle offenbare sich auch, dass kein Jugendlicher die Gespräche als Gaudi empfinde.

Besonders harte Fälle kämen zwei oder dreimal, bis der Konflikt bereinigt sei. Wer dann noch mal komme, spreche meist über persönliche Probleme. Konflikte mit Lehrern gäbe es dagegen nicht. „Die Kinder werden auch nicht hergeschickt. Sie kommen freiwillig“, so Zahn. Auf Empfehlung eines Lehrers gab es bisher erst einmal in Naundorf eine Mediation.

Das Projekt Schulmediatoren wurde 2001 in Berlin gegründet und hat sich in acht Bundesländern etabliert. Seniorpartner in School (www.sis-sachsen.de) ist ein gemeinnütziger Verein. Die Johanniter Hilfsgemeinschaft Dresden mit Sitz im Landkreis Meißen wurde als Projektträger gewonnen. Weit über 500 Seniorinnen und Senioren werden als Mediatoren in Schulen eingesetzt.

Christian Kunze

Quelle: Oschatzer Allgemeine Zeitung vom 15.04.2011