Startseite Presse 2011 Kritisch hinterfragt: Die schöne neue Welt
Kritisch hinterfragt: Die schöne neue Welt Drucken E-Mail
Freitag, den 23. Dezember 2011 um 16:45 Uhr

Naundorfer Werkschüler bewältigen zwei Premieren an einem Tag / Akteure bei Sächsischen Landestheatertagen vertreten

Schulunterricht am Klapprechner, mit frei wählbaren Lernmodulen zum Herunterladen, ohne Mobbing, aber auch ohne Freunde und Kontrolle durch den Lehrer: Dies ist nur eine Möglichkeit, die Anna Riese, Sinah Haferkorn, Carmen Schneider und Rahel Knittel (von links) im Stück

Weg vom klassischen Märchenspiel, hin zu modernen Stücken: Die Theatergruppe der Evangelischen Werkschule geht neue Wege und wird dafür auch belohnt. Als einzige Schule aus der Region Oschatz ist die freie Mittelschule bei den Sächsischen Landestheatertagen vertreten. Und das völlig zurecht, wie ihre Inszenierung von Christina Jonkes "Gute alte Zeit - Schöne neue Welt" beweist.

Ein Hauch von George Orwell und Aldous Huxley ist am Mittwochabend in der Naundorfer Turnhalle zu spüren. Deren bekannteste Romane haben eindeutig Einfluss auf das, was die Werkschüler zeigen. "1984" und "Schöne neue Welt" sind die Werke, die Pate stehen für diese Geschichte, letzteres wird sogar im Titel direkt aufgegriffen.

Der Plot: Großmutter Eva besucht Tochter Marilyn und die beiden Enkeltöchter daheim. Das Trio ist im wahrsten Sinne des Wortes "abgeschirmt": Monitore bestimmen ihren Alltag, virtuell ist ihre Realität. Der krasse Blick in eine mögliche Zukunft unserer Gesellschaft zeigt das Leben als Suchmaschine, in dem der Computer alles steuert und das Internet soziale Kontakte de facto abgeschafft hat. Ein konsequent überspitzte Vision, aber jede Idee hat einen wahren Kern. Keiner weiß das besser als die vier Hauptdarstellerinnen Anna Riese, Sinah Haferkorn, Carmen Schneider und Rahel Knittel. Sie wachsen auf mit Mobilkommunikation, Facebook und Co., sind aber reif genug, um die Botschaft des Stücks überzeugend zu vermitteln. Beim Blättern in den Alben mit Papierfotos und dem Spieleabend am Ende des Stücks wird klar: Erinnerungen und Nächstenliebe kann man weder am Rechner erzeugen, noch im Internet bestellen. "Unsere Welt ist verrückt, das sollte uns aber nicht davon abhalten, das Leben zu genießen", lautet das Fazit, bevor der imaginäre Vorhang in der Turnhalle fällt.

Sicher bewältigen die Nachwuchsschauspieler ihre Rollen, geben den Figuren das, was in der "schönen neuen Welt" abhanden gekommen ist: Emotionen. Dass sie unvorhergesehene Zwischenfälle wie eine überschäumende Colaflasche gekonnt mit neuem Text in die Handlung einbeziehen, ist Beleg für ihr gefestigtes Talent zur Improvisation.

Für Koordinatorin Jacqueline Jentzsch, freie Theaterpädagogin aus Waldheim, und die Darsteller aus den Klassen 5 und 6 nicht minder wichtig: Das Kindermärchen "Kirikus und die Körner der Zufriedenheit", das am Vormittag gespielt wird. Über 200 Kinder der umliegenden Grundschulen und Kindereinrichtungen erleben die Reise der mürrischen Meckermaus Kirikus, die von ihren Freunden auf eine Reise geschickt wird und nach der Rückkehr erkennt: Es bedarf wenig zum Glücklich sein, wenn man die eigenen Fähigkeiten zu schätzen weiß. Anne Hassels Stück ist unterhaltsam und lädt zum Mitmachen ein, etwa dann wenn die Zuschauer beim musikalischen Zwischenspiel mit den Akteuren tanzen dürfen. Die Symbolik der drei Körner, die zur Zufriedenheit verhelfen, tritt da in den Hintergrund, weil die Kleinen schlicht nur staunen. Bei den Erwachsenen, den mitgekommenen Eltern, Erzieherinnen und Lehrerinnen im Publikum, da klingt sie noch lange nach.

Text:Christian Kunze
Foto:Dirk Hunger
Quelle: Oschatzer Allgemeine Zeitung 23.12.2011