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Samstag, den 18. Mai 2013 um 18:45 Uhr

Evangelische Schulen bekommen in Sachsen vom Staat nur halb so viel Geld pro Schüler wie öffentliche Schulen. Das gefährdet ihre Existenz - und soll sich jetzt ändern.

Schüler der Evangelischen Werkschule in Naundorf bilden den Anfangsbuchstaben ihrer Schule. Das große W aber könnte auch für eine andere Frage stehen: Warum muss ihre Schule vielleicht schließen?Noch versuchen die Eltern, das Schlimmste zu verhindern. Doch wenn die Werkschule Naundorf im Juli schließen muss, könnte sie die Erste sein von einer ganzen Reihe freier Schulen mit einem ähnlichen Schicksal. Sachsen setzt die nicht-staatlichen Einrichtungen auf Magerkost, die Folgen sind in Naundorf zu besichtigen: Ein stark reparaturbedürftiges Schulgebäude, Fachkabinette noch aus DDR-Zeiten, Lehrergehälter deutlich unter denen staatlicher Kollegen und fehlende Chemie- und Geografielehrer.

Nur neun Schüler haben sich bis Mitte April neu für das ungewöhnliche Schulkonzept ohne Klassen und starren Unterricht, dafür mit viel Individualität und Praxis entschieden. Die Diakonie Leipziger Land als Trägerin der Mittelschule hätte für das neue Schuljahr ein weiteres Darlehen von über 90 000 Euro aufnehmen müssen - und zog die Reißleine. „Die Betriebskosten sind explodiert und die Gehälter steigen“, sagt die Naundorfer Schulleiterin Ruth Möbius. „Anders als bei den staatlichen Schulen sind unsere Zuschüsse nicht mitgewachsen. Die Kosten fressen uns auf.“

54 evangelische Schulen gibt es derzeit in Sachsen. Sie sind ein Teil der insgesamt 168 freien Schulen im Freistaat, die von acht Prozent der sächsischen Schüler besucht werden. Doch ihre eigentlich vom Grundgesetz garantierte Existenz ist nach Einschätzung der Schulstiftung der sächsischen Landeskirche gefährdet. Das liegt an ein paar einfachen Zahlen: Freie Mittelschulen erhalten vom Freistaat pro Schüler bloß 45 Prozent von dem, was staatliche Schulen bekommen (siehe Grafik) - bei Grundschulen und Gymnasien ist es nur wenig mehr. Die Kluft wächst seit Jahren. Die Folge: Oft engagiertes, doch schlechter bezahltes Personal und weniger Lehrer pro Klasse.

Fachkabinette, Fenster und Heizung der Schule in Naundorf sind veraltet.„Die gesetzliche Formel suggeriert eine Förderung von 90 Prozent der Personalkosten“, sagt Oberlandeskirchenrat Burkart Pilz, Bildungsdezernent der sächsischen Landeskirche. „Doch diese Formel muss dringend angepasst werden und sich an den realen Ausgaben öffentlicher Schulen orientieren.“ Zudem fordert der Oberlandeskirchenrat eine Erhöhung der Zuschüsse für Sachkosten freier Schulen. Die wurden im Gesetz ohne weitere Begründung freihändig auf die Höhe von 25 Pro­zent der Personalkosten des Schuljahres 2007/2008 festgeschrieben - dabei stiegen Energiekosten und Löhne in den letzten Jahren stark an.

Die CDU-Bildungspolitik in Sachsen stand in den letzten Jahren bei freien Schulen vor allem auf der Bremse. Um das staatliche Schulnetz besser auszulasten, erhöhte sie die Hürden für Neugründungen. Und sie strich die Schulgelderstattung für ärmere Familien. Dagegen klagten Abgeordnete der Opposition vor dem sächsischen Verfassungsgericht - eine Entscheidung steht noch aus. Doch die im letzten Jahr angetretene Kultusministerin Brunhild Kurth (parteilos) steuert vorsichtig um. Sie bedaure das konfliktbeladene Verhältnis zu den freien Schulen, heißt es aus dem Kultusministerium.

Nun lädt die Ministerin die Träger freier Schulen zum Dialog über die Finanzierungsfragen ein. Der erste Streitpunkt steht schon fest: Zwar stellt ein im April vorgestelltes Gutachten des Ministeriums fest, dass die Sachkostenzuschüsse für die Schulen in der Tat an die allgemeine Kostenentwicklung angepasst werden müssten. Doch der Fehlbetrag zwischen Zuschüssen und Ausgaben freier Schulen hätte sich zwischen 2007 und 2011 gar verringert, heißt es weiter. Alles nicht so schlimm? „Diese Zahlen spiegeln nicht die tatsächlichen Kosten“, erwidert Martin Herold von der landeskirchlichen Schulstiftung. Denn das Gutachten erfasse nur die Verwendungsnachweise für staatliche Zuschüsse - nicht aber für Spenden oder Schulgeld.

Ein Lösungsvorschlag liegt auf dem Tisch: Der Ausschuss für freie Schulen im Landeselternrat will einen höheren Faktor für die Berechnung der Personalkosten und die Erhöhung der Sachkostenzuschüsse auf 160 Euro pro Monat und Kind - macht grob geschätzt 60 Millionen Euro Mehrausgaben pro Jahr für den Freistaat: Es geht um viel Geld. Der Dialog darüber sei „ergebnisoffen“, so das Kultusministerium.

Freie Schulen müssen mit der Hälfte auskommen

Evangelische und andere freie Mittelschulen in Sachsen bekamen 2009 vom Freistaat 55 Prozent weniger Geld pro Schüler als staatliche Mittelschulen (siehe Grafik). Diese Kluft erhöht sich seit dem Jahr 2000 ständig. Auch freie Grundschulen erhielten 2009 nur 47 Prozent der Zuschüsse staatlicher Einrichtungen, freie Gymnasien bekamen 58 Prozent. Quelle: Evangelische Schulstiftung SachsenEvangelische und andere freie Mittelschulen in Sachsen bekamen 2009 vom Freistaat 55 Prozent weniger Geld pro Schüler als staatliche Mittelschulen (siehe Grafik). Diese Kluft erhöht sich seit dem Jahr 2000 ständig. Auch freie Grundschulen erhielten 2009 nur 47 Prozent der Zuschüsse staatlicher Einrichtungen, freie Gymnasien bekamen 58 Prozent. Quelle: Evangelische Schulstiftung Sachsen

Text: Andreas Roth
Fotos: Thomas Barth
Grafik: Evangelische Schulstiftung Sachsen
Quelle: Der Sonntag Nr. 20 vom 19.05.2013