Startseite Presse 2013 "Das ist eine besondere Schule"
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Sonntag, den 27. Oktober 2013 um 18:45 Uhr

Marianne Grundmann möchte Erzieherin werden - und absolviert ein Praktikum in der Evangelischen Werkschule Naundorf

Theorie aus Büchern auf der einen, die Praxis in einer Hand voll Laub auf der anderen Seite: Marianne Grundmann legt Wert auf das Lernen am konkreten Beispiel. In der Evangelischen Werkschule Naundorf nutzt sie ihre eigenen Praxismonate, um Kreatives weiterzugeben - und die eigene Spontanität zu schulen. Foto: Sven BartschMarianne Grundmann unterstützt seit kurzem das Team der Evangelischen Werkschule. Die Praktikantin möchte Erzieherin werden. "Kinder brauchen Raum, um sich zu entfalten", sagt sie. Deshalb möchte die junge Frau nach dem Neuanfang in Naundorf dazu beitragen, das Potenzial zu wecken, dass in allen Werkschülern steckt.
Bei ihrer ersten Bewerbung spielte das Schicksal dazwischen. "Ich fragte in der Woche nach einem Praktikum, als der frühere Träger bekanntgab, die Schule nicht mehr zu unterstützen", erinnert sich Marianne Grundmann. Doch die Erzieherin im zweiten Lehrjahr strich nicht die Segel. Sie gehört zu denen, die an die Schule glauben und sie mit Leben erfüllen. "Das ist eine besondere Schule", sagt die 19-Jährige, die nach Realschulabschluss und Lehre zum Sozialassistenten bereits in der freien Grundschule "Apfelbaum" in Schweta Praxisluft schnupperte. "Die Schüler sind dankbar, dass es hier weitergeht und ebenso dankbar, dass wieder klarere Strukturen herrschen", hat die junge Frau erfreut festgestellt.

Der Beruf ist für die Oschatzerin Berufung, schon ihre Mutter und Großmutter haben ihn ergriffen. Von ihrer Mutter habe sie die Konsequenz geerbt, die für ihre Aufgabe nötig ist. "Ich kann nur mit Spaß bei der Arbeit sein, wenn ich ehrliche Menschen um mich habe". Und solche Menschen habe sie in der Werkschule gefunden. Die praktische Orientierung hat sie vom Vater bekommen. Wenn der an seinem Auto schraubt, macht sie gerne mit. Und überhaupt: Der Werkunterricht in der Schule, das war schon immer ihr Ding. Marianne Grundmann ist ein kreativer Kopf, wie ihn das Werkschul-Team braucht. Fotografieren, Kochen, Basteln, das sind ihre Steckenpferde, hier schult sie ihre Beobachtungsgabe und saugt ständig neues Wissen auf. Wie gut das ankommt, hat sie sehr schnell bemerkt. Im Ganztagsangebot Nähen haben die Schüler unter ihren Fittichen sofort losgelegt, berichtet sie.

Kinder brauchten Praxisbezug und müssten auch mal ins sprichwörtliche kalte Wasser fallen, was aber nicht heiße, dass man ihnen nicht wieder aufhelfen darf. "Ich bin nah dran an ihrem Alltag", schätzt die leidenschaftliche Kinogängerin ein und erzählt dann, wie sie Schülern Vokabeln beibringt. "Viele schauen amerikanische Serien, so wie ich. Wenn man deren Titel übersetzt, haben sie ein Aha-Erlebnis", sagt sie. In Naundorf ist sie zwar mehr Lehrerin als Erzieherin, dennoch rückt sie nicht von ihrem Ziel ab. Im Schulhort das aus den Kindern rausholen, was in ihnen steckt, dafür legt sie in der Werkschule gerade die Grundlagen.

Wenn sie etwas an sich ändern könnte, dann wäre sie gern spontaner. "Wenn etwas auch nur leicht aus dem Ruder läuft, werde ich zu schnell nervös", stellt sie an sich selbst kritisch fest. Deshalb fällt es ihr auch leichter, mit Gleichaltrigen oder nur wenige Jahre Jüngeren zusammen zu arbeiten. Ihnen eine Richtung geben, ihnen die Möglichkeit bieten, sich selbst zu verwirklichen, dass ist ihr Anliegen.

Was sie im Gegenzug erwartet, ist Respekt, ihr und auch anderen gegenüber. Dafür seien die Voraussetzungen in einer freien Schule besser, weil hier auch die Eltern noch stärker involviert sind. "Ein Erzieher muss ein Ergänzer zum Elternhaus sein", so die 19-Jährige. Wenn Kinder ihre Jacken oder gar die Schulbücher auf den Boden werfen, liege das nicht an den Kindern. "Da besteht Nachholbedarf, und zwar nicht allein in der Schule", meint sie.

Bis zum 6. Dezember wird Marianne Grundmann mit den Schülerinnen und Schülern, Lehrern, Eltern, Vereinsmitgliedern und anderen Schulpartnern in Naundorf tätig sein. Am Nikolaustag nimmt sie Abschied. Könnte sie jedem Schüler einen Stiefel mit auf den weiteren Weg geben, würde sie ihn mit Ehrlichkeit und Gerechtigkeit füllen und mit einer großen Portion Bewusstsein dafür, den eigenen Weg zu gehen, ohne dabei andere zu verletzen.

Text: Christian Kunze
Foto: Sven Bartsch
Quelle: Oschatzer Allgemeine Zeitung 23.10.2013