Startseite Presse 2014 "Die Krise hat uns stärker zusammenwachsen lassen"
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Freitag, den 18. Juli 2014 um 20:16 Uhr

Werkschule Naundorf: Schulleiterin und Vorsitzende des Trägervereins bilanzieren ein Jahr nach Trägerwechsel

Angelika Gollmer - Uta RieseWenige Wochen vor den Sommerferien im vergangenen Jahr gab die Evangelisch-gemeinnützige Gesellschaft für Bildungs- und Sozialprojekte (EBS) die Trägerschaft der Werkschule aus finanziellen Gründen ab. Seit gut einem Jahr ist der ehemalige Förderverein Träger. OAZ sprach mit der Vorsitzenden Uta Riese und der Schulleiterin Angelika Gollmer.


Frage: Was hat sich seit dem Trägerwechsel für die Schulgemeinschaft verändert?
Angelika Gollmer: Das Schulkonzept und die Außenwirkung der Schule sind transparenter geworden. Statt drei Stellen müssen nun nur noch zwei kooperieren. Wir Pädagogen haben eine breite Elternschaft im Rücken. Die Bande sind enger geknüpft. Mütter und Väter stehen voll und ganz hinter uns - das wirkt sich auf die Kinder aus, die besser motiviert sind als zuvor. Die Schüler repräsentieren ihre Schule engagiert nach außen.
Uta Riese: Der Austausch zwischen allen findet öfter und regelmäßig statt. Wenn es Probleme gibt, werden sie sofort aufgegriffen, diskutiert und gelöst. Die Krise im vergangenen Jahr hat uns alle zusammenwachsen lassen.

Wie hat sich die Schülerzahl im vergangenen Jahr entwickelt?
Uta Riese: Neu gestartet sind wir mit 47 Kindern. Derzeit besuchen 59 Jungen und Mädchen die Schule, von denen zwölf ihren Abschluss erfolgreich absolvieren werden. Für das kommende Schuljahr gibt es 16 Neuanmeldungen, davon sieben Fünftklässler und neun Quereinsteiger in den Klassenstufen 6 bis 10. Es werden also wieder um die 60 Schüler sein. Eine Familie nimmt im kommenden Schuljahr ihre beiden Kinder von der Schule. Sie wohnen im Landkreis Döbeln und können die Kosten für den privat organisierten Schülertransport nicht mehr aufbringen. Wir helfen interessierten Eltern, wo wir können, aber in solchen Situationen können wir finanziell nicht einspringen.

Tag der offenen Tür in der Werkschule Naundorf: Schüler und Eltern informieren sich über die Angebote. Foto (Archiv): Sven Bartsch Wie konnten und wie können weitere Eltern und Schüler für die Werkschule begeistert werden?
Angelika Gollmer: Mit Werkschultagen, Tagen der offenen Tür und Infoständen auf Märkten und Festen erreichten wir die Menschen. Außerdem wurde der Internetauftritt überarbeitet, und eine Facebook-Seite der Schule ist angelegt. Abgerundet wird die Öffentlichkeitsarbeit durch Elternabende in interessierten Grundschulen und ein neu gestaltetes Faltblatt, das die Schülerin Vivien Schwalowski während ihres Praktikums in einer Werbeagentur erstellt hat. Möglich ist dies alles nur, weil der Öffentlichkeitsausschuss breiter aufgestellt ist und verstärkt Pressearbeit betreibt. Aber die immer noch zündendste Werbung sind die Schüler selbst, wenn sie von ihrer Schule erzählen.

Wie sehen die Finanzen des Vereins aus?
Uta Riese: Aufgrund der enormen Spendenbereitschaft und vieler Arbeitseinsätze von Eltern und Schülern können wir dieses Schuljahr mit einem ausgewogenen Haushalt beenden. Wir lebten nicht im Überfluss, was die Schulmaterialien betrifft, aber auch nicht im Mangel. Das Pädagogenteam war sehr erfinderisch und schaute bei vielen Extrastunden nicht auf die Uhr .Das kommende Schuljahr wird nochmals ein "dürres Jahr" - finanziell gesehen - und wir hoffen sehr, dass das Gerichtsurteil zur Gleichbehandlung von freien und staatlichen Schulen bald greift. Bisher ist es so, dass staatliche Schulen durchschnittlich 8000 Euro pro Schüler im Jahr erhalten und wir nicht einmal halb so viel. Gleichzeitig bekommen wir viele Auflagen, die wir erfüllen müssen, um den Schulbetrieb zu sichern.

Welche Auflagen sind das?
Uta Riese: Solide Personalverträge, Überprüfung der Lehrer und ihrer Ausbildung, sowie ihrer fachgerechten Einsetzung, Brandschutz- und Sicherheitsauflagen. Der im Sommer beginnende Bau einer Nottreppe am Neubau ist Voraussetzung, dass wir im ersten Stockwerk unterrichten dürfen, ebenso der Einbau von Fluchtfenstern. Bisher fand der Unterricht deshalb nur im Erdgeschoss statt. In den Ferien wird endlich gebaut. Gleichzeitig wird vom Chemiekabinett im Altbau ein zweiter Ausgang als Fluchtweg entstehen. Dafür benötigen wir weiterhin Spenden.

Wie ist die Schule mit Lehrern ausgestattet, und welche Anreize gibt es für Pädagogen, sich in Naundorf zu bewerben?
Angelika Gollmer: Wir sind in der glücklichen Lage, für jeden Fachbereich mindestens einen entsprechend ausgebildeten Fachlehrer zu haben. Unsere Klassen sind klein, in der Regel nicht mehr als 15 Schüler. Das ermöglicht individuelles Eingehen auf die Schüler. Die Schule ist ruhig gelegen, die Arbeit sehr praxisorientiert. Geschätzt werden wir für unser familiäres Arbeitsklima und die Möglichkeit der wirklichen Mitwirkung und Mitbestimmung.
Uta Riese: Seit März ist in Naundorf auch eine Lerntherapeutin vor Ort. Sie begleitet Kinder mit Lernblockaden, hospitiert und beobachtet Unterrichtsprozesse und berät das Team bei Differenzen zwischen Schülern und Lehrern, vermittelt und verhindert, dass Konflikte mit nach Hause getragen werden. Jeder Lehrer, der sich bei uns bewirbt, sollte dies akzeptieren. Bei uns kann jeder Pädagoge die Schule mitgestalten. Die Bewerbungen gehen an uns direkt und werden nicht über die Schulbehörde vermittelt.

Was unterscheidet die Werkschule von anderen Schulen?
Angelika Gollmer: Das fällt mir sofort der Teamgeist ein. Bei Quereinsteigern von staatlichen Schulen merkt man zunächst, dass sie statt auf Gemeinschaft auf Konkurrenz getrimmt sind. Wir lernen aber erst dann gut, wenn das soziale Klima stimmt. Schon nach wenigen Wochen sehen wir die Veränderungen bei den neuen Schülern. Sie erfahren hier den Lehrer als Partner. Gleiches gilt zwischen Lehrern und Eltern. Bei zehn fest angestellten Lehrern, Sekretärin und Hauswirtschaftlerin ist der Zusammenhalt im Lehrerzimmer deutlich stärker ausgeprägt als bei einer Personalstärke von 20 oder mehr.

Was bereitet Ihnen Freude im Schulalltag, und was sind Ihre Sorgen?
Angelika Gollmer: Ich beobachte gern, wie das soziale Lernen funktioniert. Trotz der im Schulalltag unvermeidlichen Konflikte werden gute Ergebnisse erzielt. Die Kinder verstehen sich jahrgangsübergreifend und übernehmen Verantwortung füreinander. Für die kommenden Jahre würde ich mir wünschen, dass ein paar mehr Mädchen auf unseren Fluren zu sehen sind. Schließlich bleibt die kostspielige Organisation des Schülertransports. Der gestaltet sich aufgrund des großen Einzugsgebiets schwierig. Der finanzielle Aufwand dafür ist mitunter höher als das Schulgeld und schreckt viele Eltern ab. Hier müssen wir unbedingt günstigere Lösungen finden.
Uta Riese: Ich erlebe jeden Tag aufs Neue, wie sehr die Freude der Schüler an dieser Schule zu lernen, auch meinen Geist entzündet und die Begeisterung für die Arbeit in Naundorf aufrecht erhält.

Fragen: Christian Kunze
Foto: Sven Bartsch
Quelle: Oschatzer Allgemeine Zeitung 18.07.2014